"Wie eine Rakete..."

WA-GESPRÄCH – Werner Kaßen gründete vor fünf Jahren den Verschenkeladen Inzwischen arbeiten dort 76 ehrenamtliche Mitarbeiter – Bedarf steigend

HAMM • Seit fünf Jahren existiert jetzt der Verschenkeladen des sozialen Vereins Humanitas an der Widumstraße, in dem sozial schwache Menschen gebrauchte Kleidung und Gebrauchsgegenstände zum Nulltarif oder gegen eine kleine Spende erhalten können. WA-Mitarbeiterin Marion Siebert sprach mit Werner Kaßen, Initiator des Vereins und des Ladens, über die Arbeit in der jüngsten Vergangenheit und die Aussichten.

Werner Kaßen - Foto: MroßWerner Kaßen ist 67 Jahre alt und Initiator des Verschenkeladens. Der ehemalige Sonderpädagoge ist verheiratet und hat zwei erwachsene Kinder. Seine Hobbys sind Malen, Lesen, Fußballspielen in einer Hobbytruppe von Lehrern, die seit 40 Jahren existiert, und Kulturfahrten. • Foto: Mroß

Haben Sie eine Erfolgsgeschichte geschrieben?

Kaßen: Jeden Tag. Wenn man aus der Raumfahrt nimmt, ist es eine Rakete gewesen. Sie ist gezündet worden durch die Idee, durch die Mitarbeiter – und sie fliegt und fliegt. Sie ist so was von schön, macht so viel Krach und will gar nicht landen. Wir sind inzwischen berühmt, wir stellen die Marktgesetze auf den Kopf, weil wir ja im Prinzip keine Preise nehmen dürfen, haben aber aufgrund von Spenden eine gewisse Einnahme. Wir sind regelrechte Exoten.

Kommt der Rentner, der an Altersarmut leidet, nicht?

Kaßen: In Grenzen ja, aber wenig. Ich kann das teilweise verstehen, dass manche Menschen nicht gesehen werden wollen, dass sie bei uns "kaufen" und sich damit outen, dass sie arm sind. Die zweite Gruppierung sind betuchtere Personen aus dem Stadtbild, die kleine Sachen suchen, die ihnen Freude machen, zum Beispiel eine Vase, aber das ist begrenzt.

Wie sieht es mit Waren aus, die angeliefert werden. Gibt es genug?

Kaßen: Das ist eigentlich die zweite Kammer der Rakete. Die eine Kammer sind die Mitarbeiter, die zweite Kammer die Anlieferung der Waren. Das ist einfach sensationell.

Hat sich das inzwischen in Hamm herumgesprochen, dass man bei Ihnen gut erhaltene Sachen abgeben kann?

Kaßen: Ja. Es sind aus unterschiedlichen Spektren ganz viele Sachen, die gebracht werden, und es werden immer mehr.

Können Sie denn alles gebrauchen?

Kaßen: Das ist ein kleines Problem, besonders bei Kleidung. Es gibt immer wieder Dinge, die wir nicht vermitteln können, weil sie altmodisch, fleckig, weil sie kaputt sind. Die sortieren wir aus und haben zum Glück das Rote Kreuz, das diese Sachen einmal in der Woche abholt. Das heißt aber nicht, dass wir die Dinge nicht mehr nehmen möchten. Im Gegenteil, wenn wir sie nicht hätten, könnten wir sie nicht mehr weitergeben.

Es geht um Kleidung, es geht um Geschirr, es geht um Kleinmöbel. Wie sieht das Spektrum aus?

Kaßen: Von A bis Z, Dinge des täglichen Bedarfs mit Ausnahme von Großmöbeln, weil wir dafür einfach keinen Stellplatz haben. Wenn man mir zum Beispiel vor fünf Jahren gesagt hätte, dass Schuhe der Renner sind, hätte ich das nicht geglaubt, hätte ich jede Wette verloren. Es gibt Kunden, die kommen ganz gezielt nur wegen Schuhen zu uns herein. Zurzeit sind Wintersachen gefragt, die Sommersachen hängen wir für das nächste Jahr zurück.

Mit wie vielen Mitarbeitern haben Sie damals angefangen?

Kaßen: Der Verein wurde mit sieben Personen gegründet, er wurde dann beim Amtsgericht angemeldet. Kleckerweise kamen die Leute dazu. Wir hatten zunächst nur dreimal in der Woche drei Stunden geöffnet, inzwischen haben wir von montags bis freitags geöffnet. Inzwischen arbeiten 76 ehrenamtliche Mitarbeiter bei uns.

Sind das hauptsächlich Frauen?

Kaßen: Ja, zehn Prozent Männer, 90 Prozent Frauen.

Wie kam Ihnen eigentlich damals die Idee?

Kaßen: Das habe ich bei Ihnen in der Zeitung gelesen. Ich weiß noch wie heute, dass ich einen Artikel aus Detmold gelesen, haben mit dem Titel "Drei Teile, ein Euro". Das war bei mir die Zündung, dass das was für Hamm ist. Der Verein wurde gegründet, wir brauchten ein Ladenlokal. Eine schöne, Geschichte: Meine Frau und ich sitzen in Italien am Strand und sprechen über das Projekt. Die Tochter von Frau Gerres kommt dazu und sagt, ich habe ein Ladenlokal, das von meiner Mutter. So fing das an. Und Frau Gerres hat uns den Laden an der Widumstraße kostenlos zur Verfügung gestellt. Inzwischen bezahlen wir über unsere Spenden eine angemessene Miete, aber Frau Gerres selbst ist so begeistert von der Idee, dass sie auch selbst mithilft.

Sie sagten gerade Spenden. Kommt also auch Bargeld herein?

Werner Kaßen • Foto: Rother
Werner Kaßen • Foto: Rother

Kaßen: Die Interessenten gehen durch das Geschäft, das sehr gut strukturiert ist, und packen die Dinge, die sie gern wünschen, in ein Körbchen, gehen an die Kasse, legen die Sachen vor und dann fragen wir nach einer kleinen Spende. In der Regel bewegt sich das zwischen. 50 Cent und zwei Euro. Bei höherwertigen Sachen, die nicht zum täglichen Bedarf gehören, erwarten wir eine etwas größere Spende, zum Beispiel bei Elektrogeräten wie Fernsehern. Es gibt natürlich auch Schlitzohren, die versuchen, Waren an uns vorbei zu schmuggeln. Aber da wird von den Mitarbeitern aufgepasst.

Sie kaufen aber von den Spenden keine neuen Waren?

Kaßen: Nein. Es geht nur um Deckung der Kosten und eine Rücklage. Aber wir haben auch – und darauf sind wir stolz – in der vergangenen Weihnachtszeit 8000 Euro an soziale Organisationen in Hamm verteilen können, unter anderen auch an "Menschen in Not".

Nehmen Sie denn alles an?

Kaßen: Bei Elektronikgeräten schauen wir inzwischen genau hin, auch bei Bekleidung. Ganz wichtig ist auch, dass wir seit etwa zwei Jahren so genannte Kundenkarten haben. Die Menschen dürfen einmal in der Woche kommen, legen ihre Karte als Hartz-IV-Empfänger oder als Arbeitsloser vor, welchen Familienstand sie haben, und danach können sie bei uns "einkaufen". Man muss aber nicht unbedingt eine Kundenkarte haben. Wer keine hat, hat ein Anrecht auf drei Teile. Und die ganz vielen Armen, die bei uns auftauchen, die bekommen noch einen Pullover draufgepackt.

Kommt der Mann noch, der an allen Sachen die Knöpfe abgeschnitten hat?

Kaßen: Nein. Glücklicherweise nicht. Das war eine Woche, da haben wir fast geweint, aber es war wohl ein psychisch kranker Mensch.

Wo sehen Sie sich in fünf Jahren?

Kaßen: Immer noch an der Widumstraße. Wir könnten uns zwar aufgrund des Angebots und der Nachfrage vergrößern, aber das werden wir schon Frau Gerres zuliebe nicht machen. Einen ganz großen Wunsch haben wir noch: Wir möchten gegen ein Entgelt einen Geschäftsleiter oder eine Geschäftsleiterin einstellen, die den Laden bei uns koordiniert. Wer als Rentner/in Interesse hat, kann sich bei uns melden.

Quelle: Westfälischer Anzeiger Hamm – 8. November 2008 • Abdruck mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.